Landflucht

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Landflucht

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LaŐ£nd|flucht ‚Ć©f. 20; unz.‚Ć™ Streben der b√§uerl. Bev√∂lkerung, in die Stadt zu ziehen, in der Stadt Arbeit zu finden

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LaŐ£nd|flucht, die:
Abwanderung eines großen Teils der Landbevölkerung, bes. bäuerlicher Herkunft, aus den ländlichen Gebieten in die Städte wegen der meist besseren Arbeits- u. Lebensbedingungen.

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Landflucht,
 
Prozess, innerhalb dessen mit jeweils unterschiedlichen Antrieben und Ergebnissen die l√§ndliche Bev√∂lkerung in k√ľrzeren oder l√§ngeren Zeitr√§umen in gro√üer Anzahl in die jeweiligen Zentren (Ballungsgebiet) wandert. Es handelt sich nicht immer um eine langfristige oder planvolle Siedlungsbewegung, sondern in der Regel um ein Symptom sozialer Krise und ungleicher Entwicklung. Landflucht ist h√§ufig eine spontane Reaktion auf verschlechterte l√§ndliche Lebensbedingungen (Naturkatastrophe, Krieg, Missverh√§ltnis von Nahrungsmittelproduktion und Bev√∂lkerungsentwicklung, Zerst√∂rung l√§ndlicher Siedlungs- und Produktionsformen durch Gro√ügrundbesitzer oder multinationales Unternehmen), angesichts deren das Leben in der Gro√üstadt an Faszination gewinnt oder die einzige √úberlebensm√∂glichkeit darstellt. Ebenso vermag das Leben in der Gro√üstadt aufgrund ver√§nderter Arbeits-, Bildungs-, Lebens- und Freizeitm√∂glichkeiten aus sich heraus eine Sogwirkung zu entfalten. In jedem Fall verweist Landflucht auf das Vorliegen gro√üer struktureller Unterschiede zwischen Stadt und Land (l√§ndlicher Raum), wie sie im Allgemeinen mit den Erscheinungsformen der Modernisierung l√§ndlich-traditioneller Gesellschaften, insbesondere mit Industrialisierung und Urbanisierung einhergehen. Hat dieser Prozess auch in Europa in den letzten Jahrhunderten bereits zu sozialen Ver√§nderungen gr√∂√üten Ausma√ües gef√ľhrt, die neben der Umstrukturierung der Siedlungs- und Arbeitsformen auch die Erfahrungen des Massenelends in St√§dten des 19. und fr√ľhen 20. Jahrhundert mit sich brachten (soziale Frage), so wird die heutige Situation der Landflucht in au√üereurop√§ischen Gesellschaften durch eine Reihe von Faktoren (schnellere Bev√∂lkerungsentwicklung, mangelhafte politische, √∂konomische und soziale Struktur, Abh√§ngigkeiten von Weltmarkt und Weltpolitik, Herrschafts- und Machtinteressen bestimmter Schichten) versch√§rft und beschleunigt.
 
Bereits die antike Stadt hatte Faszinationskraft ausge√ľbt und zugleich die Diskussion √ľber das Stadt-Land-Gef√§lle (in der Literatur bei Horaz und Vergil) eingeleitet. Soziale Relevanz gewann Landflucht in Europa erstmals im Sp√§tmittelalter; sie wurde einerseits durch die Ver√§nderungen st√§dtischer Lebens- und Rechtsverh√§ltnisse (¬ĽStadtluft macht frei¬ę), andererseits durch die Verschlechterung der Lebensverh√§ltnisse auf dem Lande (Verfall der Agrarpreise, Missernten) ausgel√∂st. Insbesondere die industrielle Revolution hat seit dem 18. Jahrhundert die Siedlungsstrukturen nachhaltig ver√§ndert und zu erheblichen Binnenwanderungen in Europa gef√ľhrt (z. B. Entstehung des Rheinisch-Westf√§lischen Industriegebietes), deren Folgen aber wegen des langwierigen Prozesses und der gleichzeitigen Entwicklung anderer sozialer Strukturen (kirchliche Armenf√ľrsorge, gewerkschaftliche Selbstorganisation, kommunale Organisation, entwickelte Handels- und Verwaltungsstrukturen) l√§ngerfristig aufgefangen werden konnten.
 
Angesichts eines deutlichen Arbeitskr√§ftemangels in der Bundesrepublik Deutschland v. a. in den 1960er-Jahren stellte die durch Mechanisierung und Strukturwandel in der Landwirtschaft erm√∂glichte Landflucht weniger ein Problem f√ľr die Ballungsr√§ume dar als vielmehr f√ľr die l√§ndlichen R√§ume wegen der verschlechterten Lebensbedingungen (z. B. √úberalterung, unzureichende Versorgung, abnehmendes kulturelles Angebot). Diese Bedingungen zu verbessern, war und ist das Ziel von Raumordnung und Regionalpolitik.
 
Nach UN-Angaben hat sich der Anteil der st√§dtischen Bev√∂lkerung an der Gesamtbev√∂lkerung der Entwicklungsl√§nder von 17,3 % (1950) auf 37,6 % (1995) erh√∂ht. Dabei weist Lateinamerika mit 74,2 % einen Verst√§dterungsgrad auf, der sich nur unwesentlich von demjenigen in Nordamerika (76,3 %) und Europa (73,6 %) unterscheidet, w√§hrend Afrika (34,4 %) und Asien (34,6 %) noch vergleichsweise wenig verst√§dtert sind. Damit ist hier das Potenzial f√ľr eine weitere Landflucht besonders gro√ü. Die Zahl der Millionenst√§dte stieg in den Entwicklungsl√§ndern von 34 (1950) auf 209 (1995). Die meisten liegen in Asien (135), gefolgt von Lateinamerika (42) und Afrika (32). Neben der Abh√§ngigkeit der Binnenstrukturen von Bedingungen √§u√üerer Entwicklungen (Weltmarkt) spielen in vielen L√§ndern die teilweise aus der Kolonialzeit √ľberkommene Agrarstruktur, Umstrukturierungen der l√§ndlichen Ordnung (Zerschlagung von Dorfstrukturen, Verfall der Agrarpreise, Ausdehnung des Gro√ügrundbesitzes, Bodenspekulation und Ausbeutung von Rohstoffen) eine bedeutende Rolle. F√ľr die meisten Menschen endet die Landflucht in den Elendsvierteln der St√§dte, in sozialer Entwurzelung und unter Bedingungen, f√ľr die Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Unterern√§hrung typische Erscheinungen sind. Vorschl√§ge, die Landflucht durch Agrarreformen, Grundbed√ľrfnisstrategie sowie l√§ndliche Entwicklung aufzuheben, bleiben weitgehend unrealisiert, zumal sie den Interessen der st√§dtischen Machteliten und der l√§ndlichen Oberschichten widersprechen.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Agrarkrise ¬∑ Agrarpolitik ¬∑ Armut ¬∑ Auswanderung ¬∑ Fl√ľchtlinge ¬∑ Kinderarbeit ¬∑ Latifundien ¬∑ Migration ¬∑ Mobilit√§t ¬∑ Stadtflucht
 
 
J. A. Hauser: Bevölkerungsprobleme der Dritten Welt (Bern 1974);
 W. Köllmann: Bev. in der industriellen Revolution. Studien zur Bevölkerungsgesch. Dtl.s (1974);
¬†D. Langewiesche: Wanderungsbewegungen in der Hochindustrialisierungsperiode, in: Vierteljahrschrift f√ľr Sozial- u. Wirtschaftsgesch., Bd. 64 (1977);
 P. Marschalck: Bevölkerungsgesch. Dtl.s im 19. u. 20. Jh. (21985);
 H. Matzerath: Urbanisierung in Preußen 1815-1914, 2 Tle. (1985);
 R. Skeldon: Population mobility in developing countries (London 1990);
 J. Bähr u. a.: Bevölkerungsgeographie (1992).
 
Hier finden Sie in √úberblicksartikeln weiterf√ľhrende Informationen:
 
Bevölkerungsexplosion: Ursachen und Folgen
 
Megastädte: Ausufernde Ballungsgebiete auf dem Vormarsch
 
Stadtentwicklung: Das neue Bild der Stadt als Superorganismus
 
Agrarreformen in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Von Bauernschutz und Landflucht
 

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LaŐ£nd|flucht, die: Abwanderung vieler Landbewohner, bes. b√§uerlicher Herkunft, aus den l√§ndlichen Gebieten in die St√§dte wegen der meist besseren Arbeits- u. Lebensbedingungen.

Universal-Lexikon. 2012.


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